Jahreskonzert 2010: Mozart und Salieri

Die Behauptung, Mozart sei von Salieri vergiftet worden, hält sich hartnäckig bis in unsere Tage. Literatur, Oper und Film haben das Thema genüsslich ausgeschlachtet. Schon 1831, sechs Jahre nach Salieris Tod, schrieb Alexander Puschkin das Schauspiel „Mozart und Salieri“, und 1898 benutzte Rimski-Korsakow das Stück als Vorlage für seinen Operneinakter gleichen Namens. In der zweiten Szene treffen sich Mozart und Salieri im Hinterzimmer eines Restaurants, und dort streut der eifersüchtige Italiener dem Genie, das seinem Ruhm im Wege steht, Gift in das Weinglas. Im 20. Jahrhundert waren es Peter Shaffer und Milos Forman, welche die Legende vom Giftmord weitergesponnen haben. Formans „Amadeus“, die Verfilmung von Shaffers Bühnenstück, erhielt geradezu Kultcharakter. Im Film ruft der alte und kranke Salieri, nachdem er einen Selbstmordversuch unternommen hat, aus: „Mozart, ich habe dich getötet! Vergib deinem Mörder!“

In Wirklichkeit scheint das Verhältnis zischen den beiden Musikern dasjenige einer normalen Konkurrenz gewesen zu sein. Wohl gibt es einige Briefstellen, in denen Mozart sich über gewisse „Cabalen“ Salieris beklagt, was jedoch nicht überbewertet werden darf. Wieso sollte Salieri auf Mozart eifersüchtig gewesen sein? Er war es doch, der in Wien mit den attraktivsten Ämtern dekoriert war. 1774 wurde Salieri Kapellmeister der italienischen Oper, und 1788 erlangte er den höchsten musikalischen Posten, den die Habsburger Monarchie zu vergeben hatte: Kapellmeister der kaiserlichen Hofkapelle. Mozart dagegen fand in Wien, nachdem er die Anstellung beim Salzburger Erzbischof aufgegeben hatte, kein offizielles Amt. Der Titel eines „K.-K. Kammerkompositeurs“, der ihm 1787 verliehen wurde, war ein reiner Ehrentitel. Finanziell hielt sich Mozart mit Konzerten an privaten und öffentlichen Akademien und mit Aufführungen seiner Opern über Wasser.

Trotz dieser Konkurrenz herrschte eine klar belegbare Kollegialität zwischen den beiden Männern. Einige Kompositionen Mozarts, darunter das Klavierkonzert in Es-Dur und die Kantate „Davidde penitente“, wurden auf Anregung Salieris uraufgeführt. Bei der Uraufführung der berühmten g-Moll-Sinfonie wirkte Salieri sogar als Dirigent. 1789 brachte Salieri, dem das neue Amt des Hofkapellmeisters wenig Zeit zum Komponieren übrigliess, an der italienischen Oper erneut Mozarts „Figaro“ auf die Bühne. Im Jahr 1785 komponierten Mozart und Salieri, zusammen mit einem weiteren Komponisten, ein gemeinsames Werk, nämlich die Kantate „Per la ricuperata salute di Ofelia“, die aber bis heute verschollen geblieben ist. Und als Salieri 1790 zur Krönung Kaiser Leopolds II. nach Frankfurt reiste, hatte er nicht weniger als drei Messen Mozarts im Gepäck. Salieri selber hatte für den Anlass ein festliches „Te Deum“ komponiert.

Zur Krönung Leopolds II. zum Kaiser des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nationen war auch Mozart nach Frankfurt gereist. Während Hofkapellmeister Salieri und seine Hofmusiker zum offiziellen Gefolge gehörten und an den Feierlichkeiten mitwirkten, befand sich Mozart als Privatmann in der Reichstadt. Was er während der 18 Tage seines dortigen Aufenthaltes getan hat, entzieht sich weitgehend der Kenntnis der Biographen. Gesichert ist hingegen die Tatsache, dass Salieri mit seinen Musikern bei der Krönung vom 9. Oktober 1790 sowohl sein „Te Deum“ als auch eine Messe Mozarts, vermutlich dessen C-Dur-Messe KV 317 aufführte.

Mozart hat die Messe nicht für diesen Anlass komponiert, sondern bereits im Jahr 1779 für den Gottesdienstgebrauch in Salzburg. Seit 1772 war Mozart dort Konzertmeister und Hoforganist beim Erzbischof Hieronymus Colloredo. Zu seinen Pflichten gehörte namentlich die Komposition von Messen, die dann bei den bischöflichen Gottesdiensten im Dom erklangen. Die Uraufführung der C-Dur-Messe ereignete sich in diesem Rahmen am Ostersonntag des Jahres 1779. Heute ist das Werk allgemein als Krönungsmesse bekannt. Der Name stammt aber nicht von Mozart. Er rührt wohl daher, dass die Wiener Hofkapelle die Messe später bei verschiedenen Krönungs- und Huldigungsanlässen wieder aufführte. Neben der schon erwähnten Krönung Leopolds II. gehörte auch die Krönung von dessen Nachfolger Franz II. zu diesen Gelegenheiten. In den Aufführungsverzeichnissen der Wiener Hofkapelle begegnet man der Bezeichnung „Krönungsmesse“ aber erst im Jahr 1873.

  Thomas Schacher